Porträt Herr Paschmann
Auf unserem Schulgelände entfalteten sich in den vergangenen Wochen rege Tätigkeiten einer Gruppe von Männern, denen man ansah, dass sie zupackender Arbeit im Freien nicht aus dem Weg gehen. Mit Heckenschere, Säge, Spaten und einem Häcksler rückten sie dem Wildwuchs im Gartenbereich und zwischen den Hecken zu Leibe.
Dem Häcksler konnten wir nicht immer ungeteilte Sympathie entgegenbringen, gab er doch auch zu unpassenden Zeiten die ihm eigenen akustischen Lebensäußerungen von sich.
Die Pflegemaßnahmen auf unserem Schulgrundstück standen unter der freundlichen, dabei aber bestimmenden und zielgerichteten Anleitung eines ehemaligen Obersten. Die fleißigen Grundstückspfleger waren jedoch keine Soldaten, sondern eine Gruppe von Sozialhilfeempfänger, die von der Kreisvolkshochschule zu praktischer Arbeit angeleitet werden.
Und
der so sachkundige, geschickte und in Menschenführung versierte Oberst
heißt Abdul Rahman Paschman, und ist seit dem 7. Januar 2002 unser
Hausmeister.
Oberst Paschman war bis vor seiner Flucht aus Afghanistan vor zwölf Jahren Kommandeur von 3.000 Soldaten und 260 Offizieren. Der Lebens- und Schicksalsweg des Mitgliedes der Kabuler Oberschicht lässt mehr als manche tägliche Nachricht aus dem durch Bürgerkrieg und Terrorismus so sehr geschundenen Land erahnen, was die Menschen in Afghanistan in den letzten Jahrzehnten erleiden mussten.
Im Januar 1990 traf eine von der Nordallianz auf Kabul abgefeuerte Rakete – eine von manchmal 100 täglich – einen Spielplatz. Der Sprengkörper zerfetzte vier Kinder, darunter auch den achtjährigen Sohn von Herrn Paschmann.
Herr Paschman verlor nicht nur seinen Sohn im afghanischen Bürgerkrieg, sondern auch einen großen Teil seiner eigenen Familie, der Verwandten und Freunde. Um sich, seiner Frau und den anderen Kindern das nackte Leben zu bewahren, kam er 1990 als Asylbewerber zu uns. Sein Bruder floh schon etwas eher. Er lebt heute als Selbständiger in Wien.
Rahman Paschman wollte eigentlich Schriftsteller werden. Noch heute schreibt der persisch, paschto, russisch, indisch und deutsch sprechende Oberst der königlichen afghanischen Armee Gedichte auf Persisch.
Doch die Schriftstellerei konnte Herr Paschman nicht zu seinem Beruf machen. Nach dem Schulabschluss folgte er einer Familientradition und schlug eine militärische Laufbahn ein. Er besuchte die Kommandoakademie in Moskau. Nach dem dortigen Abschluss studierte er ebenfalls in der russischen Hauptstadt Wirtschaftspolitik und Philosophie.
Dem erfolgreichen Institutsbesuch schloss sich die Militärakademie in Kabul an. Herr Paschman schlug die Offizierslaufbahn in der afghanischen Armee der Kabuler Garnison ein.
Seit 1990 lebt Herr Paschman mit seiner Familie in unserem Land. Drei seiner Kinder haben bereits die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen, sein jüngster Sohn wurde in Deutschland geboren. Von den Schwierigkeiten, denen sich ein geduldeter Asylbewerber bei uns ausgesetzt sieht, kann auch Rahman Paschman erzählen. Nach seiner Ankunft wollte der so vielseitig ausgebildete Offizier nicht von Sozialhilfe leben. Aber eine Arbeitserlaubnis erhielt er nicht.
Erst nach einer langen Wartezeit von einem Jahr mit quälender Untätigkeit durfte er sich auf Arbeitssuche begeben. Wie wir wissen, ist das für einen Asylbewerber noch schwieriger als für manchen hier Geborenen. Nach einigen Absagen arbeitete Herr Paschman ein halbes Jahr lang als Fahrer. Auch nach einem Lehrgang im Metallbereich und einem Praktikum als Bauarbeiter im Naturbau verdingte er sich als Fahrer – einmal in einem Pizza-Taxi, einmal für einen Autoservice.
Zwei Jahre lang war Rahman Paschman Vorarbeiter im Trockenbau für den Landkreis Hannover. Vom Aus- und Einbau von Türen bis zum Tapezieren, Fliesenlegen und Dachdecken reichten die zu erbringenden Innenarbeiten.
Zu den Projekten gehörte übrigens auch die Renovierung des Kreishauses in der Hildesheimer Straße, dem Sitz unseres neuen Schulträgers. Schon hier leitete der ehemalige Oberst eine Gruppe Sozialhilfeempfänger, denen der damalige Landrat und heutige Regionspräsident Michael Arndt sehr gute Arbeit attestierte.
Auch für die Zeit der Expo fand Herr Paschmann eine Anstellung: Er leitete ein Team für den Wachdienst und war mit Objektschutzaufgaben betraut.
Trotz
seiner anerkannt guten Leistungen auch bei dieser Tätigkeit musste sich
Rahman Paschman wieder auf Arbeitssuche begeben; seine Anstellungen
waren immer nur befristet. Ein unbefristetes Arbeitsverhältnis war und
ist aber die Voraussetzung für eine unbefristete
Aufenthaltsgenehmigung. Die wiederum wird für einen
Einbürgerungsantrag benötigt.
Im August letzten Jahres führten seine guten Kontakte zur Kreisvolkshochschule zu einer Anstellung beim Landkreis, der jetzigen Regionalverwaltung. Zunächst fuhr Herr Paschman täglich von seinem Wohnort Wunstorf nach Lehrte, um dort die Berthold-Otto-Schule des Landkreises als Hausmeisterhilfskraft zu betreuen.
Die Anstellung als Hausmeister unserer beiden Schulen bedeutet endlich die erwünschte nicht befristete Arbeitsstelle für Herrn Paschman. Ein Wermutstropfen ist der notwendige Umzug aus Wunstorf mit dem Verlust des dortigen großen Gartens in eine näher gelegene Wohnung, denn die täglich zweimal (auch abends) notwendige Anreise per Bahn stellt auf die Dauer eine zu große zeitliche Belastung dar.
Abdul Rahman Paschman freut sich über die freundliche Aufnahme an unseren beiden Schulen, die er uns durch sein unaufdringliches, dabei sehr hilfsbereites Wesen auch sehr leicht gemacht hat.
Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit mit Herrn Paschman!
Joachim Haller, März 2002


